Trügerische Sicherheit

 

 

Nun ist etwas Zeit ins Land gegangen. Eine Zeit danach ist angebrochen. Eine Zeit, die all unser Leben doch mehr als nur auf den Kopf gestellt hat. Und bevor es uns alle aufgestellt hat, hat es uns ganz mächtig gebeutelt. Hat in unseren Grundfesten gewütet, wir alle haben begriffen, wie trügerisch Sicherheit sein kann. Wir müssen alle unsere Sicherheit neu suchen, neu erfinden. Neu aufstellen. Wir müssen sortieren. Abwägen. Es ist Weg, den wir alle einschlagen mussten, ohne ihn gewählt zu haben. 

 

Zermartere mir den Kopf darüber, wie ich es besser machen könnte, was ich besser hätte machen können,  Gedanken: Was mache ich falsch, schaffen es andere besser? Sind andere Kinder mehr bei der Sache? Stehen diese Kinder um 7 Uhr auf, erledigen sie ihre all ihre Schulaufgaben? Sind meine Methoden effizient genug? Genügt es, genügt es nicht? Gehört mein Kind zu den unprivilegierten, gehört es zu den zu wenig geförderten Kindern? Welche Zukunft hat meine Tochter ... bin ich eine gute Mutter, wie schaffen die anderen das? Oder sind wir einfach nur unfähig. Bin ich unfähig Doch gleichsam merke ich, wie die Struktur anfängt zu bröckeln. Mein Maßstab wackelt und ich mit ihm. Ohne es zu merken, ohne es zu wollen, gab ich diese Unsicherheit an mein Kind weiter.

Ich machte Druck (lerne den Otto-Motor, Funktionsweise des Kühlschranks, merk dir dies, merk dir das ....). 

 

Bis ich merkte, welche Ängste, Sorgen und psychische Belastungen sich hinter diesen Modi verstecken. Existenzängste. Stress, wie konnte sich meine Energie verändert und wandeln, woraus diese ziehen, wenn ich selbst mir nicht erlaubte, leiser zu treten und diese zu sammeln. Es waren meine ureigene (Versagens)Ängste, die ich auf mein Kind projizierte. Das "Aufeinanderhocken", die emotionalen Entladungen ... aller im Haushalt benötigte immens viel Energie. 

Angst - so sagt man - sei kein guter Ratgeber. Wie so oft macht das Gift die Dosis.

 

So überlebenswichtig sie für eine ganze Spezies sein kann, so fatal kann sie uns lähmen.

 

Ich weiß,  meine Tochter  wird nicht am ersten Schultag "danach"  den Kühlschrankmotor zeichnen können, sie wird vielleicht die osmanischen Belagerungen durcheinanderwirbeln, sie wird nicht perfekt die Vokabeln können, doch sie wird ein Stück reifer werden, ein großes Stück. Wir als Familie haben gänzlich neue Abenteuer überstanden und sie gemeistert. Sie wird Brot backen können, sie wird Verschwörungstheorien hinterfragen, sie wird  Nachrichten hören, Zeitung online zu lesen, interessiert ein ... Wir werden uns alle neu (er)funden haben. Teile ins uns finden, von denen wir nicht mal ahnten, das wir sie haben.  

 

Tagebuch Ende.

 

 

*****

 

Und falls Sie sich frage, warum gestern kein Blogbeitrag erschien ... ich habe mir die Finger verbrannt. Nicht sprichwörtlich - nicht diesmal - sondern einen an der rechten Hand, zwei Finger an der linken. Beim Brot backen. Passiert.

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Torsten Hannig (Samstag, 04 April 2020 09:28)

    Vielleicht ist so eine Pandemie wirklich einmal die Gelegenheit für die gesamte Gesellschaft sich in eine Art inneren Einklang zu bringen, vom "höher, schneller, weiter" zum "warum überhaupt" und "geht das nicht auch anders". Ich sehe das als Chance, denn in der Isolation ist man gezwungen, sich auf sich selbst zu besinnen, ob es einem nun gefällt, oder nicht. Mir gefällt es, ich hatte schon immer mehr Angst vor der Welt da draußen und den Menschen in ihr, als es mir irgendeine Pandemie machen könnte. All die Hektik, all der Leistungsdruck, alles weg, die Welt wird ruhig, zieht sich zurück, genau wie ich, schon seit langer Zeit. Jetzt versteht die Welt, vielleicht ein Stück weit, wie ich mich schon lange fühle?

    P. S. Gute Besserung �